Warum Sicherheit die riskanteste Karriereentscheidung sein kann
Lange Zeit glaubte ich, dass Sicherheit etwas ist, das man sich erarbeiten kann.
Ein guter Schulabschluss. Ein renommiertes Studium. Ein bekannter Arbeitgeber. Viel Einsatz. Viel Leistung.
Wenn man diese Bausteine sauber aneinanderreiht, so dachte ich damals, würde sich der Rest fast automatisch ergeben.
Diesen Glaubenssatz hatte ich vermutlich schon als Schüler, als ich mich für ein duales Studium bei IBM bewarb. Später als Regionalverkaufsleiter bei Aldi Süd. Noch stärker während meines Masters in Boston. Und spätestens beim Einstieg in die Deutsche Bank.
Mein Weltbild war damals relativ einfach.
Von nichts kommt nichts.
Wer Leistung bringt, wird belohnt.
Wer Verantwortung übernimmt, steigt auf.
Wer sich unentbehrlich macht, schafft Sicherheit.
Heute glaube ich noch immer an Leistung. Ich glaube noch immer an Ehrgeiz. Und ich glaube noch immer daran, dass harte Arbeit ein entscheidender Faktor für Erfolg ist.
Ich glaube nur nicht mehr daran, dass sie automatisch Sicherheit schafft.
Diese Erkenntnis kam nicht durch ein einzelnes Erlebnis. Es gab keinen einen Moment, der meine Sichtweise verändert hat. Vielmehr war es die Summe vieler Beobachtungen über viele Jahre hinweg.
Ich habe mehr Restrukturierungen erlebt, als ich zählen könnte.
Bei IBM.
Bei der Deutschen Bank.
In anderen Unternehmen.
Auf Vorstandsebene.
Auf Managementebene.
Auf operativer Ebene.
Und mit jeder Restrukturierung wurde etwas deutlicher.
Nichts ist so sicher, wie es von außen oft erscheint.
Das bedeutet nicht, dass ständig Menschen entlassen werden oder Unternehmen permanent im Krisenmodus arbeiten. Im Gegenteil. Die meisten Unternehmen funktionieren erstaunlich gut. Die meisten Karrieren verlaufen vernünftig. Die meisten Mitarbeiter gehen morgens zur Arbeit und kommen abends wieder nach Hause, ohne jemals von einer Restrukturierung betroffen zu sein.
Aber wenn man lange genug dabei ist, sieht man eben auch die andere Seite.
Man sieht Menschen, deren Karriere eigentlich nach Lehrbuch verlaufen ist und die trotzdem an einen Punkt kommen, an dem sich die Rahmenbedingungen verändern.
Man sieht Rollen verschwinden.
Bereiche zusammengelegt werden.
Strategien wechseln.
Und man erkennt, dass die meisten Entwicklungen deutlich weniger vorhersehbar sind, als sie im Rückspiegel erscheinen.
Besonders nachdenklich gemacht haben mich dabei nicht die Menschen, die gescheitert sind.
Nicht die Schwachen.
Nicht die Bequemen.
Nicht die Unmotivierten.
Sondern oft genau die Leistungsstärksten.
Menschen, die zwanzig oder dreißig Jahre ihres Lebens einem Unternehmen gewidmet hatten.
Menschen, die enorme Verantwortung übernommen hatten.
Menschen, die von außen betrachtet alles richtig gemacht hatten.
Eine Person, die mich damals besonders beeindruckt hat, war Anshu Jain.
Ich durfte ihn über mehrere Jahre aus nächster Nähe erleben. Nicht in dem Sinne, dass ich täglich mit ihm zusammenarbeitete. Ich stand damals noch relativ am Anfang meiner Karriere. Aber ich habe ihn regelmäßig erlebt. Ich habe seine Ansprachen gehört, ihn auf dem Flur getroffen, Diskussionen verfolgt und gesehen, wie er argumentierte und Entscheidungen traf. Teilweise erhielt ich sogar Feedback auf Unterlagen und Präsentationen, die für ihn erstellt wurden.
Für jemanden am Anfang seiner beruflichen Laufbahn war das beeindruckend.
Hier stand einer der einflussreichsten Banker seiner Generation. Jemand, der eine außergewöhnliche Karriere hingelegt hatte und die Deutsche Bank über viele Jahre maßgeblich geprägt hat.
Umso mehr hat es mich nachdenklich gemacht, als sich das Blatt irgendwann wendete.
Ob seine Ablösung richtig oder falsch war, kann und möchte ich nicht beurteilen. Dafür kenne ich viele Hintergründe nicht. Es geht mir auch nicht um die konkrete Personalentscheidung.
Was mich beschäftigt hat, war die Erkenntnis dahinter.
Wenn selbst Menschen auf dieser Ebene keine Garantie auf Sicherheit besitzen, warum glauben so viele von uns, dass sie diese auf ihrer eigenen Ebene besitzen?
Mit zunehmender Berufserfahrung wurde mir immer klarer, dass Erfolg selten nur das Ergebnis von Leistung ist.
Leistung ist wichtig.
Vielleicht sogar die wichtigste Voraussetzung.
Aber sie ist nicht alles.
Heute glaube ich, dass Erfolg meist aus drei Faktoren entsteht.
Leistung.
Umfeld.
Timing.
Auf die eigene Leistung haben wir direkten Einfluss.
Auf die anderen beiden Faktoren deutlich weniger.
Manchmal ist jemand einfach zur richtigen Zeit am richtigen Ort.
Manchmal nicht.
Manchmal wird hervorragende Arbeit gesehen und honoriert.
Manchmal wird sie übersehen.
Manchmal entwickelt sich ein Unternehmen hervorragend.
Manchmal verändern sich die Rahmenbedingungen, obwohl die Menschen darin weiterhin gute Arbeit leisten.
Je länger ich gearbeitet habe, desto mehr wurde mir bewusst, wie groß der Anteil der Faktoren ist, die außerhalb unserer Kontrolle liegen.
Das bedeutet nicht, dass Leistung unwichtig wäre.
Ganz im Gegenteil.
Leistung erhöht die Wahrscheinlichkeit auf Erfolg.
Aber sie garantiert ihn nicht.
Und genau dieser Unterschied wird häufig unterschätzt.
Irgendwann begann ich deshalb, mich intensiver mit anderen Formen von Kapitalallokation zu beschäftigen.
Mit Immobilien.
Mit Unternehmen.
Mit Kapitalmärkten.
Mit Beteiligungen.
Nicht weil ich meinen Arbeitgebern misstraute.
Nicht weil ich Konzerne schlecht finde.
Und schon gar nicht, weil ich Unternehmertum romantisieren möchte.
Tatsächlich habe ich bei IBM, Aldi Süd und der Deutschen Bank unglaublich viel gelernt. Wahrscheinlich mehr, als ich jemals in einem Hörsaal hätte lernen können. Ich durfte mit einigen der intelligentesten Menschen zusammenarbeiten, die ich kenne. Ich habe gelernt, wie große Organisationen funktionieren, wie man komplexe Projekte strukturiert und wie man Verantwortung übernimmt.
Diese Erfahrungen möchte ich nicht missen.
Gleichzeitig begann ich zu verstehen, dass meine gesamte finanzielle Zukunft nicht von einer einzigen Einkommensquelle abhängen sollte.
Denn aus meiner Sicht ist es ein Klumpenrisiko, wenn die eigene finanzielle Zukunft vollständig von einem Arbeitgeber abhängt.
Das ist keine Kritik an Angestellten.
Und auch keine Verherrlichung des Unternehmertums.
Es ist lediglich die Erkenntnis, dass jede Form von Abhängigkeit Risiken mit sich bringt.
Gerade in Deutschland wird Unternehmertum oft als die riskante Alternative dargestellt. Und natürlich gibt es dafür gute Gründe.
Wer ein Unternehmen gründet oder übernimmt, merkt schnell, dass Unternehmertum hierzulande alles andere als einfach ist. Bürokratie, Regulierung und administrative Anforderungen kosten enorme Zeit und Energie. Hinzu kommen finanzielle Risiken, Personalthemen und die Verantwortung für Mitarbeiter, Kunden und Lieferanten.
Unternehmertum ist keineswegs der einfache Weg.
Es ist lediglich eine andere Form von Risiko.
Der Unterschied ist nur, dass diese Risiken sichtbarer sind.
Der Unternehmer weiß meist sehr genau, welche Risiken er trägt.
Der Angestellte nimmt seine Risiken häufig weniger bewusst wahr.
Vielleicht liegt die eigentliche Erkenntnis deshalb an einer ganz anderen Stelle.
Sicherheit ist kein Arbeitgeber.
Sicherheit ist kein Titel.
Sicherheit ist kein Gehalt.
Und Sicherheit ist auch kein eigenes Unternehmen.
Sicherheit entsteht aus Fähigkeiten.
Aus Anpassungsfähigkeit.
Aus Beziehungen.
Aus Kapital.
Und aus der Fähigkeit, immer wieder neu Wert schaffen zu können.
Die sichersten Menschen, die ich kennengelernt habe, waren weder die erfolgreichsten Unternehmer noch die erfolgreichsten Angestellten.
Es waren die Menschen, die Fähigkeiten aufgebaut hatten, die unabhängig von einer einzelnen Firma, einer einzelnen Branche oder einer einzelnen Rolle wertvoll geblieben sind.
Vielleicht ist die riskanteste Karriereentscheidung deshalb nicht die Gründung eines Unternehmens.
Nicht eine Investition.
Nicht ein Jobwechsel.
Vielleicht ist die riskanteste Karriereentscheidung die Annahme, dass alles so bleiben wird, wie es heute ist.
Denn genau das tut es nie.
Die Frage, die ich mir heute deshalb stelle, lautet nicht mehr:
Wie sicher ist mein Job?
Sondern:
Bin ich wirklich dort, wo ich sein möchte?
Und falls die Antwort Nein lautet:
Was hält mich eigentlich davon ab, etwas zu verändern?

Alexandre Dietz
Zwischen Unternehmertum und Kapitalmärkten schreibe ich über Ambitionen, Entscheidungen und Risiken, die langfristigen Erfolg prägen.
In den letzten Jahren habe ich Unternehmen aufgebaut, übernommen und weiterentwickelt. Als Fondmanager habe ich Verantwortung für Kapitalallokation und Anlageentscheidungen aus institutioneller Perspektive getragen. Und auf Management-Board-Ebene der Deutschen Bank an Strategie- und M&A-Projekten gearbeitet.
Die interessantesten Erkenntnisse stammen dabei selten aus Lehrbüchern, sondern aus Erfahrungswerten und Entscheidungen unter Unsicherheit.
Hier teile ich Beobachtungen, Analysen und Erfahrungen aus der Praxis.
Keine Erfolgsformeln. Kein Hype. Sondern Gedanken aus dem echten Spiel.
