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Mit Anfang 20 war meine Vorstellung von Vermögensaufbau ziemlich einfach.

Man arbeitet hart, übernimmt Verantwortung, steigt beruflich auf und verdient mit der Zeit immer mehr Geld. Irgendwann führt das automatisch zu Wohlstand und finanzieller Unabhängigkeit.

Rückblickend erscheint mir diese Sichtweise etwas zu einfach. Damals war sie für mich jedoch vollkommen logisch.

Ich hatte das große Glück, früh in leistungsorientierten Umfeldern arbeiten zu dürfen. Wer dort erfolgreich sein wollte, musste bereit sein, mehr zu leisten als andere. Das war für mich nie ein Problem. Im Gegenteil. Ich hatte Freude daran, Verantwortung zu übernehmen, neue Themen zu lernen und mich weiterzuentwickeln.

Entsprechend investierte ich viel Zeit in meine Karriere. Oft sechs Tage pro Woche. Nicht selten von morgens bis spät in die Nacht. Es gab Phasen, in denen ich erst gegen zwei Uhr morgens mit dem Taxi nach Hause gefahren bin, um am nächsten Morgen wieder im Büro zu sitzen.

Damals erschien mir das völlig normal.

Heute sehe ich diese Zeit mit etwas Abstand. Nicht weil ich sie bereue. Ganz im Gegenteil. Ich würde denselben Weg jederzeit wieder gehen. Die Jahre haben mich fachlich und persönlich enorm geprägt. Ich habe dort mehr gelernt als in vielen Ausbildungen und Studiengängen zusammen. Vor allem durfte ich mit einigen der intelligentesten Menschen arbeiten, denen ich bislang begegnet bin.

Trotzdem begann ich irgendwann zu merken, dass etwas an meinem Verständnis von Vermögensaufbau nicht ganz stimmen konnte.

Interessanterweise entstand diese Erkenntnis nicht deshalb, weil die Karriere nicht funktionierte.

Sondern gerade weil sie funktionierte.

Je näher ich dem Top Management kam, desto mehr Einblick erhielt ich in die Realität von Karrieren auf höchster Ebene. Ich sah Menschen mit außergewöhnlichen Fähigkeiten, enormer Verantwortung und beeindruckenden Einkommen. Menschen, die zweifellos erfolgreich waren.

Gleichzeitig sah ich aber auch eine andere Seite.

Ich sah Karrieren, die nach Jahrzehnten plötzlich endeten. Menschen, die einen Großteil ihres Lebens einem Unternehmen gewidmet hatten und dennoch feststellen mussten, dass Loyalität keine Garantie darstellt. Und ich sah Führungskräfte mit Familie, die auch mit fünfzig Jahren noch Arbeitswochen lebten, die ich für mich persönlich nicht dauerhaft führen wollte.

Das war kein einzelner Schlüsselmoment. Es war eher eine langsame Erkenntnis.

Zum ersten Mal begann ich darüber nachzudenken, ob ein hohes Einkommen tatsächlich dasselbe ist wie Vermögensaufbau.

An eine Situation erinnere ich mich bis heute besonders gut.

Nach zwei oder drei Jahren verließ ich an einem Freitag gegen 16 Uhr das Büro und rief meine heutige Frau an. Ich sagte ihr, dass ich bereits auf dem Heimweg sei, und fragte, was wir denn jetzt noch mit dem restlichen Tag anfangen könnten.

Nicht weil wir etwas Besonderes geplant hatten.

Sondern weil ich schlicht vergessen hatte, dass ein Freitagnachmittag überhaupt existieren kann.

Meine Wochen bestanden damals aus Arbeit, Reisen, Projekten, Meetings und Präsentationen. Die Vorstellung, an einem Freitagnachmittag spontan Zeit zur Verfügung zu haben, war für mich ungewohnt geworden.

Dieser Moment hat sich bei mir eingebrannt, weil er etwas sichtbar machte, das ich bis dahin kaum hinterfragt hatte.

Ich hatte mein Leben sehr stark auf Einkommen und Karriere ausgerichtet. Die Frage nach Vermögen stellte ich dagegen noch gar nicht richtig.

Die eigentliche Veränderung begann bei mir etwa mit 28 Jahren.

Damals beschäftigte ich mich erstmals intensiver mit Immobilien als Investment. Zunächst ging es um klassische Fix-and-Flip-Projekte, später auch um andere Formen von Kapitalanlagen.

Zum ersten Mal wurde mir bewusst, dass Einkommen und Vermögen zwei unterschiedliche Dinge sind.

Bis dahin war mein Denken stark von der Vorstellung geprägt gewesen, dass mehr Verantwortung zu mehr Einkommen führt und mehr Einkommen wiederum automatisch zu mehr Vermögen. Plötzlich sah ich ein anderes Modell.

Kapital konnte ebenfalls arbeiten.

Nicht immer. Nicht ohne Risiko. Und selbstverständlich nicht ohne eigenes Zutun.

Aber zum ersten Mal verstand ich, dass der Zusammenhang zwischen Zeit und Ertrag nicht zwangsläufig linear sein muss.

Ich erinnere mich noch gut an die ersten erfolgreich abgeschlossenen Immobilienprojekte. Nicht weil die Gewinne besonders spektakulär gewesen wären. Sondern weil ich zum ersten Mal verstand, wie Hebel funktionieren.

Mit vergleichsweise wenig eigenem Kapital konnte ein Ergebnis entstehen, das weit über das hinausging, was ich allein durch zusätzliche Arbeitsstunden hätte erreichen können.

Diese Erkenntnis hat meine Sicht auf Geld nachhaltig verändert.

Rückblickend glaube ich, dass mein größter Denkfehler relativ einfach war.

Ich dachte lange, dass Vermögen vor allem eine Funktion harter Arbeit sei.

Heute glaube ich das nicht mehr.

Natürlich ist harte Arbeit wichtig. Ohne harte Arbeit hätte ich weder meine Karriere noch spätere Investitionen oder Unternehmen aufbauen können.

Aber harte Arbeit allein ist kein Vermögensmodell.

Man kann außergewöhnlich fleißig sein und trotzdem nur begrenzt Vermögen aufbauen. Genauso kann man Vermögenswerte schaffen, die weit über den unmittelbaren Einsatz von Zeit hinausgehen.

Der Unterschied liegt nicht in der Anstrengung.

Der Unterschied liegt im Hebel.

Wenn ich heute auf Menschen blicke, die langfristig erfolgreich Vermögen aufgebaut haben, dann sehe ich häufig eine gemeinsame Eigenschaft.

Sie haben eine Schnittstelle gefunden.

Eine Schnittstelle zwischen einem Thema, das sie wirklich interessiert. Einer Fähigkeit, in der sie außergewöhnlich gut werden können. Und etwas, das andere Menschen tatsächlich brauchen.

Dort entstehen häufig die interessantesten Möglichkeiten.

Denn dort wird Arbeit nicht nur besser vergütet. Dort entstehen oft auch Beteiligungen, Unternehmen, Kapitalanlagen oder andere Vermögenswerte.

Mit anderen Worten: Dort entstehen Hebel.

Wenn heute ein 25-Jähriger vor mir sitzen würde und mir erzählt, dass er 100.000 Euro im Jahr verdient, würde ich ihm zunächst gratulieren. Das ist ein hervorragender Start.

Ich würde ihm aber auch sagen, dass dieses Einkommen wahrscheinlich nicht der eigentliche Vermögenshebel sein wird.

Das Einkommen ist der Treibstoff.

Nicht das Fahrzeug.

Wer langfristig Vermögen aufbauen möchte, muss irgendwann Vermögenswerte schaffen oder erwerben. Aktien, Unternehmensbeteiligungen, Immobilien oder vielleicht sogar ein eigenes Unternehmen.

Welches Vehikel am Ende das richtige ist, hängt von Persönlichkeit, Fähigkeiten und Risikobereitschaft ab.

Die eigentliche Erkenntnis bleibt jedoch dieselbe:

Das Einkommen finanziert den Vermögensaufbau.

Es ersetzt ihn nicht.

Interessanterweise würde ich meinen eigenen Weg trotzdem wieder gehen.

Ich würde wieder zur Deutschen Bank gehen. Ich würde wieder mit denselben Menschen arbeiten. Und ich würde wieder versuchen, möglichst viel zu lernen.

Diese Jahre haben mir Fähigkeiten vermittelt, die bis heute wertvoll sind. Sie haben mir gezeigt, wie große Organisationen funktionieren, wie Entscheidungen getroffen werden und wie professionelle Unternehmensführung aussieht.

Der Unterschied liegt lediglich darin, wie ich diese Jahre heute einordne.

Früher sah ich Karriere als Ziel.

Heute sehe ich sie als Werkzeug.

Ein Werkzeug, um Fähigkeiten aufzubauen. Erfahrungen zu sammeln. Kapital anzusparen. Kontakte zu knüpfen und Optionen für spätere Entscheidungen zu schaffen.

Lange Zeit dachte ich, Vermögensaufbau sei vor allem eine Frage des Einkommens.

Heute glaube ich, dass Einkommen lediglich die Grundlage ist.

Arbeit ist wichtig. Oft sogar unverzichtbar. Aber sie ist selten der Hebel, der langfristig den größten Unterschied macht.

Die eigentliche Veränderung beginnt häufig in dem Moment, in dem man aufhört, ausschließlich seine Zeit gegen Geld zu tauschen und anfängt, Vermögenswerte aufzubauen, die unabhängig von der eigenen Arbeitszeit Wert schaffen.

Diese Erkenntnis hat meine Sicht auf Karriere, Investitionen und Unternehmertum grundlegend verändert.

Und rückblickend war sie vermutlich eine der wertvollsten Lektionen meiner bisherigen Laufbahn.

Alexandre Dietz

Zwischen Unternehmertum und Kapitalmärkten schreibe ich über Ambitionen, Entscheidungen und Risiken, die langfristigen Erfolg prägen.

In den letzten Jahren habe ich Unternehmen aufgebaut, übernommen und weiterentwickelt. Als Fondmanager habe ich Verantwortung für Kapitalallokation und Anlageentscheidungen aus institutioneller Perspektive getragen. Und auf Management-Board-Ebene der Deutschen Bank an Strategie- und M&A-Projekten gearbeitet.

Die interessantesten Erkenntnisse stammen dabei selten aus Lehrbüchern, sondern aus Erfahrungswerten und Entscheidungen unter Unsicherheit.

Hier teile ich Beobachtungen, Analysen und Erfahrungen aus der Praxis.

Keine Erfolgsformeln. Kein Hype. Sondern Gedanken aus dem echten Spiel.

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