Ich neige dazu, Dinge gründlich zu analysieren.
Das hat viel mit meinem beruflichen Werdegang zu tun. In der Corporate-Welt, später auch bei Strategie- und M&A-Themen, war Analyse nicht nur erwünscht, sondern Voraussetzung. Bevor eine Entscheidungsvorlage auf dem Tisch eines anderen landete, sollte sie möglichst vollständig sein. Zahlen, Szenarien, Risiken, Alternativen.
Und grundsätzlich ist daran nichts falsch.
Mehr relevante Informationen verbessern meistens die Entscheidungsgrundlage.
Das Problem beginnt dort, wo man übersieht, dass auch Informationen einen abnehmenden Grenznutzen haben.
Die ersten Erkenntnisse können eine Entscheidung fundamental verändern. Die nächsten verfeinern das Bild. Irgendwann kommt aber der Punkt, an dem die nächste Analyse kaum noch etwas verändert.
Und trotzdem analysiert man weiter.
Ich kenne das gut.
Früher stärker als heute, aber auch heute ertappe ich mich noch dabei, bei Unsicherheit lieber noch einmal nachzusehen, noch eine Alternative durchzurechnen oder noch eine Meinung einzuholen.
Das fühlt sich vernünftig an. Schließlich arbeite ich ja an der Entscheidung.
Aber manchmal suche ich zu diesem Zeitpunkt gar keine Information mehr, die meine Entscheidung wirklich verändern würde.
Ich suche Sicherheit.
Und das ist etwas anderes.
Warten ist auch eine Entscheidung
Eine offene Entscheidung wirkt zunächst kostenlos.
Ich habe mich ja noch nicht festgelegt. Ich habe keine falsche Investition getätigt, keinen falschen Weg eingeschlagen und kann theoretisch jederzeit entscheiden.
Tatsächlich entstehen aber laufend Kosten.
Ich investiere weitere Zeit in die Analyse. Die Frage bleibt mental präsent. Andere Themen bekommen weniger Aufmerksamkeit. In Unternehmen betrifft das schnell nicht nur eine Person, sondern ganze Teams, die weiter rechnen, diskutieren, Präsentationen überarbeiten oder auf eine Freigabe warten.
Noch wichtiger ist aber etwas anderes:
Solange ich analysiere, lerne ich vor allem mehr über eine mögliche Realität.
Sobald ich handle, lerne ich aus der Realität.
Und irgendwann ist dieses zweite Wissen wertvoller als eine weitere Analyse.
Das beschäftigt mich gerade selbst bei einem neuen Projekt. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, wie man es positionieren könnte. Für jede Variante finde ich Argumente dafür und dagegen.
Mein Instinkt sagt dann: Weiter analysieren, bis sich eine Lösung eindeutig richtig anfühlt.
Nur könnte genau das die falsche Erwartung sein.
Vielleicht gibt es die perfekte Information, die plötzlich alle Unsicherheit beseitigt, gar nicht.
Dann wäre die bessere Frage nicht:
Welche Variante ist definitiv richtig?
Sondern:
Welche Variante ist gut genug, um sie zu testen – und welche Information kann ich überhaupt erst bekommen, wenn ich anfange?
Trotzdem ist schnelles Entscheiden nicht automatisch besser
Ich habe auch die gegenteilige Erfahrung gemacht.
Vor einigen Jahren wollte ich ein Unternehmen im Bereich Kühldecken übernehmen und weiterentwickeln. Eine zentrale Person sollte später einen wesentlichen Teil des Vertriebs verantworten.
Während der Vorbereitung entstand bei mir zunehmend das Gefühl, dass diese Person nicht wirklich an Bord war. Termine, Engagement, Verbindlichkeit – nichts davon war eindeutig problematisch. Aber irgendetwas passte nicht.
Man hätte darüber hinweggehen und einfach weitermachen können.
Stattdessen haben wir weiter gesprochen.
Irgendwann wurde der eigentliche Punkt deutlich: Die Person erwartete eine deutlich stärkere wirtschaftliche Beteiligung am Unternehmen, um sich mit der nötigen Intensität einzubringen.
Diese Beteiligung konnten und wollten wir in der damaligen Situation nicht sinnvoll darstellen.
Damit fehlte eine zentrale Voraussetzung des gesamten Vorhabens.
Wir haben das Vorhaben nicht weiterverfolgt.
Hier war das Warten richtig.
Denn es gab ein konkretes ungelöstes Signal. Und weitere Gespräche lieferten tatsächlich eine Information, die unsere Entscheidung veränderte.
Das ist etwas völlig anderes, als eine bereits ausreichend verstandene Entscheidung immer weiter zu analysieren, weil sie sich noch nicht sicher genug anfühlt.
Die Frage ist nicht, ob man warten soll
Vielleicht sollte man deshalb drei Situationen unterscheiden.
Manchmal sollte man warten.
Dann gibt es eine konkrete Information, die noch fehlt und die Entscheidung tatsächlich verändern kann.
Manchmal sollte man handeln und testen.
Dann existiert die entscheidende Information noch gar nicht. Man bekommt sie erst durch Kunden, Mitarbeiter, Märkte oder die tatsächliche Umsetzung.
Und manchmal wartet man einfach weiter.
Nicht weil noch etwas Wesentliches zu lernen ist, sondern weil keine der vorhandenen Optionen perfekt erscheint.
Das ist für mich die eigentliche Analyse-Paralyse.
Eine hilfreiche Frage ist deshalb erstaunlich einfach:
Welche konkrete Information soll mir weiteres Warten noch liefern – und was würde ich anders entscheiden, wenn ich sie bekomme?
Wenn ich darauf eine klare Antwort habe, kann weiteres Warten vollkommen rational sein.
Wenn nicht, sollte ich wahrscheinlich handeln.
Oder die Entscheidung kleiner machen.
Nicht gleich das gesamte Konzept ausrollen, sondern einen Test starten. Nicht sofort den vollständigen Betrag investieren, sondern eine erste Position eingehen. Nicht versuchen, eine Strategie für die nächsten fünf Jahre perfekt vorherzusagen, sondern einen Weg wählen, bei dem sich Fehler korrigieren lassen.
Denn nicht jede Entscheidung ist endgültig.
Ich habe lange dazu geneigt, auch relativ reversible Entscheidungen so zu behandeln, als müsste ich sie beim ersten Versuch vollständig richtig treffen.
Heute versuche ich stärker danach zu unterscheiden, wie schwer eine Entscheidung tatsächlich rückgängig zu machen ist.
Was ich heute Abend im Restaurant bestelle, verdient keine fünfzehnminütige Analyse.
Ein Unternehmenskauf schon.
Dazwischen liegt ein großer Bereich von Entscheidungen, bei denen Gründlichkeit wichtig ist – aber die Realität irgendwann mehr Informationen liefert als weitere Analyse.
Die Fähigkeit besteht deshalb vielleicht gar nicht darin, besonders schnell zu entscheiden.
Sondern darin, zu erkennen, wann man genug weiß.
Und wann man aufgehört hat, nach Information zu suchen – und angefangen hat, Unsicherheit wegzuanalysieren.
Alexandre Dietz
Zwischen Unternehmertum und Kapitalmärkten schreibe ich über Ambitionen, Entscheidungen und Risiken, die langfristigen Erfolg prägen.
In den letzten Jahren habe ich Unternehmen aufgebaut, übernommen und weiterentwickelt. Als Fondmanager habe ich Verantwortung für Kapitalallokation und Anlageentscheidungen aus institutioneller Perspektive getragen. Und auf Management-Board-Ebene der Deutschen Bank an Strategie- und M&A-Projekten gearbeitet.
Die interessantesten Erkenntnisse stammen dabei selten aus Lehrbüchern, sondern aus Erfahrungswerten und Entscheidungen unter Unsicherheit.
Hier teile ich Beobachtungen, Analysen und Erfahrungen aus der Praxis.
Keine Erfolgsformeln. Kein Hype. Sondern Gedanken aus dem echten Spiel.

