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Die unsichtbare Konzentration in einem diversifizierten Portfolio

Ein Portfolio mit dreißig Aktien wirkt diversifizierter als eines mit fünf. Verschiedene Branchen erscheinen sicherer als eine einzelne. Und mehrere Anlageklassen vermitteln das Gefühl, dass nicht alles gleichzeitig schiefgehen kann.

Diese Logik ist nicht falsch. Sie ist nur unvollständig.

Denn die Zahl der Positionen sagt wenig darüber aus, wie viele wirklich unterschiedliche Wetten ein Portfolio enthält. Dreißig Aktien können dreißig verschiedene Unternehmen darstellen und trotzdem davon abhängen, dass dieselben wenigen Annahmen richtig sind.

Deshalb halte ich inzwischen eine andere Frage für wichtiger:

Wie viele voneinander unabhängige Dinge müssen richtig laufen, damit dieses Portfolio funktioniert?

Ein Portfolio ist nicht deshalb diversifiziert, weil es viele Titel enthält. Entscheidend ist, wie viele voneinander unabhängige Annahmen hinter diesen Positionen stehen – und ob man erkennt, wenn eine dieser Annahmen nicht mehr trägt.

Viele verschiedene Aktien können dieselbe Wette sein

Diversifikation wird meist über sichtbare Kategorien beschrieben: Branchen, Länder, Währungen, Anlageklassen oder Positionsgrößen.

Das ist sinnvoll. Wer ausschließlich europäische Banken oder amerikanische Technologieunternehmen besitzt, erkennt die Konzentration zumindest relativ schnell.

Schwieriger sind die Abhängigkeiten, die man nicht auf den ersten Blick sieht.

Ein Zahlungsdienstleister, ein Sportartikelhersteller, ein Medienkonzern und ein Hersteller defensiver Konsumgüter gehören zu unterschiedlichen Branchen. Ihre Produkte, Kunden und Geschäftsmodelle unterscheiden sich.

Trotzdem können die Gründe, aus denen man diese Aktien kauft, sehr ähnlich sein.

Zum Beispiel die Erwartung, dass sich stark gefallene Kurse irgendwann wieder erholen. Dass etablierte Marken und Geschäftsmodelle ihre frühere Stärke zurückgewinnen. Dass eine niedrige Bewertung langfristig zu einer Neubewertung führt. Und dass Kapital nicht dauerhaft nur in wenige große Gewinner fließt, sondern irgendwann wieder breiter im Markt verteilt wird.

Dahinter stehen vier Annahmen:

  • Gefallene Kurse kehren zu einem normaleren Niveau zurück.

  • Frühere Unternehmensqualität bleibt bestehen.

  • Niedrige Bewertungen normalisieren sich.

  • Genügend Kapital erreicht auch die zurückgebliebenen Teile des Marktes.

Die erste Annahme wird an der Börse häufig als Mean Reversion bezeichnet: Extreme Entwicklungen setzen sich nicht unbegrenzt fort, sondern bewegen sich irgendwann wieder in Richtung eines langfristig normaleren Zustands.

Alle vier Überlegungen sind grundsätzlich plausibel. Sie beruhen aber auf einer gemeinsamen Erwartung: Der Markt erkennt irgendwann, dass die Schwäche nur vorübergehend war, und beginnt, diese Unternehmen wieder höher zu bewerten.

Geschieht das nicht, können sehr unterschiedliche Aktien aus ähnlichen Gründen gleichzeitig enttäuschen.

Dann schützt die Zahl der Positionen weniger, als es die formale Streuung vermuten lässt.

Wie ich diese Abhängigkeit unterschätzt habe

Diese Erkenntnis entstand für mich nicht an einem einzelnen Tag. Sie entwickelte sich schrittweise.

In einem professionell breit aufgestellten Aktienportfolio hielten wir Unternehmen aus verschiedenen Branchen und mit unterschiedlichen fundamentalen Begründungen. Ein Teil dieser Positionen lag bewusst außerhalb jener wenigen großen Unternehmen, die zu diesem Zeitpunkt die US-Indizes und die öffentliche Wahrnehmung dominierten.

Das allein war weder richtig noch falsch.

Eine sichtbare Konzentration zu vermeiden bedeutet noch nicht automatisch, ein belastbar diversifiziertes Portfolio zu besitzen.

Der Zweifel begann, als Rückgänge nicht mehr wie gewöhnliche Übertreibungen wirkten. Die Erholungen wurden schwächer, die Verluste tiefer. Manche Unternehmen blieben trotz vermeintlich günstiger Bewertung über lange Zeit ohne erkennbare Bestätigung durch operative Verbesserungen oder eine stabilere Kursentwicklung.

Ein Teil davon ließ sich durch eine ungewöhnlich enge Marktführung erklären. Wenn wenige sehr große Unternehmen einen erheblichen Anteil der Indexentwicklung bestimmen, geraten breiter aufgestellte Portfolios leicht ins Hintertreffen.

Aber das erklärt nur einen Teil.

Es erklärt nicht jede falsche Einzeltitelentscheidung. Es erklärt keinen zu frühen Einstieg und kein zu langes Festhalten an einer ursprünglichen These. Und es erklärt nicht, warum manche Unternehmen tatsächlich schlechter wurden.

Marktkonzentration darf deshalb nicht zur bequemen Entlastung werden.

Manche Unternehmen waren nicht nur unbeliebt. Ihre operative Entwicklung verschlechterte sich. Wettbewerbsvorteile waren weniger stabil als angenommen. Bei anderen fehlte ein glaubwürdiger Auslöser für eine Erholung. Und in einigen Fällen wurde eine niedrige Bewertung zu lange als Argument behandelt, obwohl der Markt fortlaufend neue Gründe für genau diese niedrige Bewertung lieferte.

Rückblickend hätte die veränderte Marktstruktur früher und konsequenter in Auswahl, Positionsgrößen und Ausstiegen berücksichtigt werden müssen.

Diese Verantwortung lässt sich nicht an einen Index, einen Markttrend oder eine Anlegergruppe auslagern.

Wenn aus einer plausiblen Annahme eine Gewissheit wird

Die Idee der Mean Reversion ist überzeugend.

An den Kapitalmärkten gibt es Übertreibungen. Sehr hohe Margen ziehen Konkurrenz an. Sehr pessimistische Erwartungen können zu negativ sein. Gute Unternehmen überstehen Krisen. Märkte schreiben kurzfristige Entwicklungen häufig zu lange fort.

Viele erfolgreiche Investments beruhen genau darauf.

Problematisch wird es, wenn aus einer häufigen Beobachtung eine unausgesprochene Gewissheit wird.

Nicht jeder gefallene Kurs kehrt zu seinem früheren Hoch zurück. Nicht jede historisch starke Marge ist dauerhaft. Nicht jede bekannte Marke bleibt relevant. Und nicht jede niedrige Bewertung ist eine Fehlbewertung.

Manchmal fällt nur der Preis.

Manchmal verändert sich das Unternehmen.

Diese Unterscheidung ist im Rückblick einfach und in Echtzeit schwierig. Gerade etablierte Unternehmen besitzen genügend historische Erfolge, um fast jede Verschlechterung zunächst als vorübergehend erscheinen zu lassen.

Eine bekannte Marke, hohe frühere Kapitalrenditen und ein langfristig erfolgreicher Aktienkurs ergeben schnell eine überzeugende Geschichte:

Das Unternehmen hat frühere Krisen überstanden. Also wird es auch diese überstehen.

Das kann stimmen. Es ist aber noch keine Analyse.

Entscheidend ist nicht, ob ein Unternehmen früher Qualität besaß. Entscheidend ist, ob die Ursachen dieser Qualität weiterhin bestehen.

Bleiben Margen und Cashflows stabil? Verliert das Unternehmen Marktanteile? Ist das Wachstum organisch oder teuer erkauft? Werden Investitionen sinnvoll eingesetzt? Verschlechtert sich die Bilanz? Werden Umsatz- und Gewinnerwartungen laufend nach unten angepasst? Haben sich das Produkt, die Konkurrenz oder das Kundenverhalten verändert?

Historische Qualität ist ein guter Ausgangspunkt.

Sie ist kein Bestandsschutz.

Dasselbe gilt für die Bewertung. Ein niedriger Preis kann einen Sicherheitspuffer schaffen. Aber eine günstige Bewertung ist zunächst nur ein Zustand. Sie ist kein Ereignis.

Ein Unternehmen kann jahrelang günstig bewertet bleiben. Es kann noch günstiger werden. Und es kann trotz niedriger Bewertung ein schlechtes Investment sein, wenn Gewinne, Margen oder Wettbewerbsvorteile schneller sinken als der Kurs.

Der entscheidende Fehler steckt oft in einer stillen Ergänzung.

Aus dem Satz

Das Unternehmen ist günstig bewertet.

wird gedanklich:

Das Unternehmen ist günstig bewertet, und der Markt wird das bald erkennen.

Der zweite Teil ist die eigentliche Investmentthese. Dafür braucht es einen Mechanismus.

Was verbessert sich im Unternehmen? Wann enden die negativen Gewinnanpassungen? Woher soll neues Wachstum kommen? Was könnte Anleger dazu bringen, ihre Einschätzung zu ändern?

Ohne eine überzeugende Antwort bleibt eine niedrige Bewertung ein Merkmal.

Aber kein Auslöser für steigende Kurse.

Marktstruktur kann Bewegungen verstärken

Fundamentale Unternehmensanalyse findet nicht im luftleeren Raum statt. Preise entstehen auch dadurch, wohin Kapital fließt. In den vergangenen Jahren konzentrierten sich Aufmerksamkeit, Liquidität und Performance zeitweise stark auf wenige große Unternehmen und Themen. Kapitalisierungsgewichtete Indexfonds, systematische Strategien, Momentumansätze und algorithmischer Handel können solche Bewegungen möglicherweise verstärken. Wie groß der Einfluss jedes einzelnen Faktors ist, lässt sich jedoch kaum sauber trennen. Sie sind deshalb keine ausreichende Erklärung für falsche Entscheidungen – und erst recht keine Entschuldigung. Für einen aktiven Investor bleibt entscheidend, Veränderungen im Markt wahrzunehmen und den eigenen Prozess anzupassen.

Diversifikation beginnt bei der Frage: Warum soll das funktionieren?

Ein Portfolio kann auf mehreren Ebenen breit aufgestellt sein.

Die sichtbare Ebene umfasst verschiedene Unternehmen, Branchen, Länder und Anlageklassen. Diese Form der Streuung bleibt wichtig. Sie schützt vor offensichtlichen Einzelrisiken.

Daneben gibt es wirtschaftliche Abhängigkeiten. Manche Unternehmen hängen stark vom Konsum ab, andere von Zinsen, Rohstoffpreisen, Investitionszyklen, Regulierung oder technologischen Veränderungen.

Noch wichtiger ist aber eine dritte Frage:

Warum soll die jeweilige Position überhaupt erfolgreich sein?

Beruht der erwartete Ertrag auf Wachstum? Auf einer Margenerholung? Auf sinkenden Zinsen? Auf einer Neubewertung? Auf einem zyklischen Wendepunkt? Auf Marktanteilsgewinnen? Auf einer Restrukturierung? Oder lediglich darauf, dass ein gefallener Kurs irgendwann wieder steigt?

Genau an dieser Stelle kann sich hinter vielen verschiedenen Aktien dieselbe Wette verbergen.

Zwei Unternehmen aus unterschiedlichen Branchen können beide davon abhängen, dass Zinsen fallen. Mehrere defensive Aktien können gemeinsam darauf angewiesen sein, dass ihre früheren Bewertungsniveaus zurückkehren. Verschiedene Turnaround-Fälle können alle dieselbe Annahme enthalten, dass der Markt eine vorübergehende Schwäche zu pessimistisch beurteilt.

Die Unternehmen unterscheiden sich.

Der Grund, warum sie funktionieren sollen, ist derselbe.

Dabei sind gemeinsame Annahmen nicht dasselbe wie kurzfristige Korrelation. Korrelation beschreibt vereinfacht, wie ähnlich sich Preise in einem bestimmten Zeitraum bewegen. Mehrere Aktien können an einem schwachen Börsentag gemeinsam fallen und langfristig trotzdem von ganz unterschiedlichen wirtschaftlichen Entwicklungen abhängen. Umgekehrt können sich Kurse zeitweise unterschiedlich entwickeln, obwohl die Investmentthesen im Kern dieselbe Voraussetzung teilen.

Es geht also nicht darum, jede gemeinsame Kursbewegung als Beweis mangelnder Diversifikation zu betrachten.

Es geht darum, die tieferen Abhängigkeiten zu verstehen.

Diese lassen sich nicht perfekt messen. Risikotreiber verändern sich. In Krisen können plötzlich fast alle Anlageklassen gleichzeitig unter Verkaufsdruck geraten. Ein Portfolio aus vollständig unabhängigen Positionen existiert nicht.

Die Betrachtung gemeinsamer Annahmen ist deshalb keine exakte Formel.

Sie ist eine zusätzliche Prüffrage.

Und aus meiner Sicht eine deutlich bessere als die bloße Anzahl der Titel.

Was ich im Investmentprozess verändert habe

Eine bessere Diagnose verbessert noch keine Anlageentscheidung. Entscheidend ist, welche Konsequenzen daraus folgen.

Für mich war die wichtigste Erkenntnis: Fundamentale Qualität, günstige Bewertung und eine breite Streuung reichen nicht aus, wenn die zugrunde liegende These über lange Zeit weder operativ noch durch den Markt bestätigt wird.

Deshalb habe ich begonnen, meinen Investmentprozess weiterzuentwickeln. Daraus sind AQS und AGE entstanden. Beide Ansätze sind noch in Entwicklung, werden weiter getestet und an realen Unternehmen überprüft. Entscheidend sind für mich derzeit drei Veränderungen.

Historische Qualität muss sich heute noch nachweisen lassen

Ein Unternehmen kann hervorragend geführt gewesen sein, starke Marken besitzen und über viele Jahre hohe Kapitalrenditen erzielt haben – und trotzdem heute an Qualität verlieren.

Deshalb reicht es nicht, frühere Erfolge zu messen. Entscheidend ist, ob ihre Ursachen weiter bestehen.

Sind Margen und Cashflows belastbar? Bleibt das Produkt relevant? Ist die Bilanz stabil? Wird Kapital sinnvoll eingesetzt? Behauptet das Unternehmen seine Marktstellung?

Ein Unternehmen kann vorübergehend von Knappheit, hohen Preisen oder einem günstigen Zyklus profitieren. Ein anderes wächst weniger spektakulär, schafft aber über lange Zeit verlässlich Wert.

Die historische Kennzahl allein beantwortet deshalb nicht, ob ein Unternehmen heute noch hochwertig ist.

Bewertung braucht Bestätigung

Bewertung bleibt wichtig. Kein Unternehmen ist zu jedem Preis attraktiv.

Aber ein niedriger Preis soll nicht mehr automatisch als Kaufsignal gelten. Er kann vor überzogenen Erwartungen schützen. Er sagt jedoch nicht, wann und warum ein Investment funktionieren wird.

Früher habe ich Momentum stärker als Gegenpol zur Fundamentalanalyse betrachtet. Für einen fundamental geprägten Investor wirkt ein steigender Kurs zunächst tatsächlich wie ein schwaches Argument. Dass eine Aktie steigt, sagt noch nichts darüber aus, ob das Unternehmen gut geführt ist, seine Wettbewerbsvorteile intakt sind oder die Bewertung sinnvoll ist.

Heute sehe ich Momentum differenzierter. Nicht als Beweis für Qualität, sondern als Information darüber, ob eine fundamentale These vom Markt bestätigt oder weiter infrage gestellt wird. Dasselbe gilt für Veränderungen bei Umsatz- und Gewinnerwartungen. Sie ersetzen keine eigene Analyse, können aber auf veränderte Bedingungen hinweisen, die in den historischen Zahlen noch nicht vollständig sichtbar sind.

Bestätigung kann operativ entstehen: durch stabilere Margen, steigende Umsätze oder einen glaubwürdigen strategischen Wendepunkt. Sie kann aber auch marktseitig sichtbar werden: durch weniger negative Gewinnanpassungen, eine stabilere Kursentwicklung oder zunehmende relative Stärke gegenüber vergleichbaren Unternehmen.

Das bedeutet nicht, Kursen blind zu folgen oder nur noch Aktien zu kaufen, die bereits steigen. Es bedeutet, eine anhaltende Verschlechterung nicht unbegrenzt mit der eigenen Analyse wegzuerklären.

Wenn Erwartungen fortlaufend sinken und der Kurs trotz vermeintlich günstiger Bewertung immer weiter fällt, sollte man nicht unbegrenzt dagegen argumentieren.

Momentum und Revisionen bleiben dabei Bestätigung, Warnsignal und Hinweis auf veränderte Bedingungen. Die Fundamentalanalyse bleibt der Ausgangspunkt.

Das Ziel ist, zwischen einer vorübergehenden Übertreibung und einer fortlaufenden Verschlechterung besser zu unterscheiden.

Eine gute Aktie kann trotzdem die falsche Ergänzung sein

Die wichtigste zusätzliche Frage betrifft das Gesamtportfolio.

Nicht nur:

Ist dieses Unternehmen attraktiv?

Sondern:

Welche Wette gehe ich mit dieser Position zusätzlich ein?

Wenn bereits mehrere Investments darauf angewiesen sind, dass Zinsen fallen, der Konsum stabil bleibt oder zurückgebliebene Qualitätsunternehmen wiederentdeckt werden, erhöht eine weitere ähnliche Position nicht automatisch die Diversifikation.

Sie kann dieselbe Abhängigkeit verstärken.

Bei einer neuen Position interessiert mich deshalb stärker als früher, welche Annahme den erwarteten Ertrag trägt, welche anderen Investments von derselben Entwicklung abhängen und was mehrere Positionen gleichzeitig treffen könnte.

Der weiterentwickelte Investmentprozess löst dieses Problem nicht automatisch. Kein Modell erkennt alle Zusammenhänge frühzeitig. Mehr Kennzahlen und Regeln können sogar eine neue Form von Scheingenauigkeit erzeugen.

Der Nutzen liegt zunächst an einer anderen Stelle:

Die unterschiedlichen Fragen werden bewusster voneinander getrennt. Ist das Unternehmen gut? Ist die Aktie attraktiv bewertet? Gibt es Anzeichen, dass sich die Entwicklung stabilisiert? Und welche Rolle spielt diese Position im bestehenden Portfolio?

Das Ziel ist nicht, jede Unsicherheit zu beseitigen.

Es ist, verborgene Abhängigkeiten früher zu erkennen.

Die bessere Frage

Auch der beste Investmentprozess wird Konzentrationen nicht vollständig verhindern.

Manche gemeinsamen Risikotreiber sind bewusst gewählt. Wer von einer starken Überzeugung profitieren will, muss sie im Portfolio spürbar abbilden. Entscheidend ist nicht, jede Konzentration zu vermeiden, sondern sie zu erkennen und bewusst zu tragen.

Außerdem verändern sich Zusammenhänge. Ein Unternehmen, das zunächst von einem strukturellen Wachstumstrend profitiert, kann später stärker von Zinsen oder Regulierung abhängen. Eine defensive Aktie kann in einer Liquiditätskrise plötzlich wie ein klassisches Risikoasset gehandelt werden.

Das Ziel kann deshalb nicht sein, ein Portfolio ohne gemeinsame Risiken zu bauen.

Das Ziel ist, diese Risiken zu kennen.

Und zu verhindern, dass dieselbe Annahme in zehn verschiedenen Positionen steckt, ohne als Konzentration erkannt zu werden.

Das Prinzip gilt auch außerhalb der Börse. Mehrere Immobilien sind nicht wirklich unabhängig, wenn sie alle in derselben Region liegen und ähnlich finanziert sind. Mehrere Einkommensquellen bieten wenig Schutz, wenn sie von derselben Branche, Plattform oder der eigenen Arbeitskraft abhängen. Auch dort entscheidet nicht nur die Anzahl, sondern die Struktur der Abhängigkeiten.

Diversifikation schützt nicht davor, falschzuliegen.

Sie soll verhindern, dass eine einzige falsche Annahme das gesamte Ergebnis bestimmt.

Deshalb ist die wichtigste Frage nicht, wie viele Titel ein Portfolio enthält.

Sondern:

Wie viele voneinander unabhängige Gründe gibt es dafür, dass es funktioniert?

 

Alexandre Dietz

Zwischen Unternehmertum und Kapitalmärkten schreibe ich über Ambitionen, Entscheidungen und Risiken, die langfristigen Erfolg prägen.

In den letzten Jahren habe ich Unternehmen aufgebaut, übernommen und weiterentwickelt. Als Fondmanager habe ich Verantwortung für Kapitalallokation und Anlageentscheidungen aus institutioneller Perspektive getragen. Und auf Management-Board-Ebene der Deutschen Bank an Strategie- und M&A-Projekten gearbeitet.

Die interessantesten Erkenntnisse stammen dabei selten aus Lehrbüchern, sondern aus Erfahrungswerten und Entscheidungen unter Unsicherheit.

Hier teile ich Beobachtungen, Analysen und Erfahrungen aus der Praxis.

Keine Erfolgsformeln. Kein Hype. Sondern Gedanken aus dem echten Spiel.

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