Als ich Anfang zwanzig war, war ich überzeugt, dass mein Leben vor allem durch die richtigen Karriereentscheidungen geprägt werden würde.
Welches Studium ich wähle. Bei welchem Unternehmen ich anfange. Ob ich die nächste Beförderung bekomme. Welche Position ich als Nächstes erreiche.
Damals erschien mir das logisch. Schließlich verbringt man einen großen Teil seines Lebens mit Arbeit. Warum sollten Karriereentscheidungen also nicht die wichtigsten Entscheidungen überhaupt sein?
Heute sehe ich das anders.
Nicht, weil Karriere unwichtig wäre. Im Gegenteil. Viele meiner beruflichen Entscheidungen haben mir Türen geöffnet, Erfahrungen ermöglicht und meinen weiteren Weg beeinflusst. Aber wenn ich auf die letzten zwanzig Jahre zurückblicke, fällt mir etwas Interessantes auf.
Die Entscheidungen, die mein Leben tatsächlich am stärksten verändert haben, waren oft nicht die Entscheidungen, über die ich am längsten nachgedacht habe.
Und viele davon fühlten sich damals gar nicht besonders groß an.
Als Schüler war ich beispielsweise alles andere als der klassische Musterschüler. Ich habe schon früh viel gearbeitet und hatte oft das Gefühl, dass mir die praktische Seite leichter fiel als die rein theoretische. Rückblickend war die Entscheidung für ein duales Studium deshalb vermutlich eine der wichtigsten meines Lebens.
Damals erschien mir das einfach als ein sinnvoller Ausbildungsweg. Heute weiß ich, wie stark mich diese Entscheidung geprägt hat. Nicht nur wegen des Studiums selbst, sondern weil ich bei IBM früh lernen durfte, wie Unternehmen funktionieren, wie man mit Menschen arbeitet und welche Bedeutung Kommunikation, Auftreten und soziale Kompetenzen im Berufsleben tatsächlich haben.
Viele dieser Dinge stehen in keinem Lehrbuch. Trotzdem haben sie mich wahrscheinlich stärker geprägt als mancher Vorlesungsinhalt.
Ähnlich war es mit dem Ausland.
Wenn ich heute gefragt werde, welche Erfahrungen mich besonders verändert haben, denke ich selten an eine Beförderung oder ein bestimmtes Projekt. Stattdessen denke ich an die Zeit im Ausland.
An die ersten beruflichen Erfahrungen außerhalb Deutschlands mit IBM in Atlanta, Austin oder San Francisco.
An meinen Master in Boston.
An die Monate in New York und London mit der Deutschen Bank.
An das Arbeiten mit Menschen aus völlig unterschiedlichen Kulturen und Hintergründen weltweit.
Damals ging es mir oft einfach darum, die Gelegenheit wahrzunehmen. Heute erkenne ich, wie stark diese Erfahrungen meine Sicht auf die Welt verändert haben. Wer längere Zeit außerhalb seines gewohnten Umfelds lebt, merkt schnell, dass viele Dinge, die man für selbstverständlich hält, eigentlich nur Gewohnheiten sind.
Man beginnt anders über Karriere nachzudenken. Anders über Risiko. Anders über Erfolg.
Und manchmal auch anders über sich selbst.
Interessanterweise erinnere ich mich gleichzeitig an viele Situationen, denen ich damals eine enorme Bedeutung beigemessen habe und die heute kaum noch eine Rolle spielen.
Besonders deutlich wurde mir das während meiner Zeit bei der Deutschen Bank.
Wie viele junge Menschen in ambitionierten Umfeldern habe ich damals viel darüber nachgedacht, wann die nächste Beförderung kommt, welche Projekte besonders sichtbar sind und wie man sich innerhalb einer Organisation optimal positioniert.
Natürlich ist das nicht unwichtig. Wer in großen Organisationen arbeitet, sollte gute Arbeit leisten, sichtbar sein und Verantwortung übernehmen. Ich glaube auch heute noch, dass Leistung eine wichtige Grundlage für beruflichen Erfolg ist.
Gleichzeitig überschätzt man die Bedeutung vieler dieser Dinge in dem Moment, in dem man sie erlebt.
Damals hatte ich oft das Gefühl, dass die nächste Karrierestufe über meine Zukunft entscheidet. Heute weiß ich, dass sie es nicht getan hat.
Ob eine Beförderung ein Jahr früher oder später kommt, fühlt sich in diesem Moment enorm wichtig an. Rückblickend verschwindet diese Bedeutung erstaunlich schnell.
Die Erfahrungen, die Menschen, die Themen und die Fähigkeiten, die man auf dem Weg entwickelt, bleiben meist deutlich länger relevant als der Titel auf der Visitenkarte.
Noch deutlicher wird mir das, wenn ich auf mein Privatleben schaue.
Die wohl wichtigste Konstante meines Lebens war nie ein Arbeitgeber, nie ein Projekt und nie eine Investition.
Es war meine Frau.
Wir kennen uns seit der Schulzeit und sind seit der Oberstufe ein Paar. Inzwischen begleitet sie mich seit fast zwei Jahrzehnten durch alle Höhen und Tiefen, durch Studium, Ausland, Konzerne, Unternehmertum, Investitionen und die vielen Ideen, die dazwischen lagen.
Wenn ich ehrlich bin, hat kaum eine Entscheidung mein Leben stärker beeinflusst als die Entscheidung, diesen Weg gemeinsam zu gehen. Vor allem aber auch ihre unermüdliche Bereitschaft, immer zu 100% hinter mir zu stehen und mich bei allen Entscheidungen zu unterstützen.
Und trotzdem stand sie nie auf einem Karriereplan.
Niemand erstellt eine Excel-Datei dafür.
Niemand macht eine SWOT-Analyse.
Niemand baut dafür einen Business Case.
Man trifft diese Entscheidung einfach. Und erst viele Jahre später erkennt man, wie groß ihr Einfluss tatsächlich war.
Vielleicht liegt genau darin eine Erkenntnis, die ich gerne früher verstanden hätte.
Die meisten Menschen verbringen Jahre damit, die perfekte Karriereentscheidung zu suchen.
Dabei wird ihr Leben oft viel stärker von Entscheidungen geprägt, die sie kaum planen können.
Von Menschen, die sie kennenlernen.
Von Chancen, die sich plötzlich ergeben.
Von Erfahrungen im Ausland.
Von mutigen Schritten in unbekannte Richtungen.
Von Beziehungen.
Von Zufällen.
Von Entscheidungen, deren Tragweite man erst Jahre später versteht.
Natürlich bedeutet das nicht, dass Karriere unwichtig wäre. Karriere schafft Möglichkeiten. Sie eröffnet Wege. Sie ermöglicht Erfahrungen. Aber sie ist oft nicht der Haupttreiber der wirklich großen Veränderungen im Leben.
Deshalb frage ich mich heute bei wichtigen Entscheidungen etwas anderes als früher.
Früher fragte ich mich oft:
Ist das der richtige nächste Karriereschritt?
Heute frage ich mich häufiger:
Welche Erfahrung gewinne ich mit dieser Entscheidung?
Denn wenn ich auf die Entscheidungen zurückblicke, die mein Leben tatsächlich verändert haben, dann hatten sie eines gemeinsam:
Sie sahen damals selten so wichtig aus, wie sie später wurden.

Alexandre Dietz
Zwischen Unternehmertum und Kapitalmärkten schreibe ich über Ambitionen, Entscheidungen und Risiken, die langfristigen Erfolg prägen.
In den letzten Jahren habe ich Unternehmen aufgebaut, übernommen und weiterentwickelt. Als Fondmanager habe ich Verantwortung für Kapitalallokation und Anlageentscheidungen aus institutioneller Perspektive getragen. Und auf Management-Board-Ebene der Deutschen Bank an Strategie- und M&A-Projekten gearbeitet.
Die interessantesten Erkenntnisse stammen dabei selten aus Lehrbüchern, sondern aus Erfahrungswerten und Entscheidungen unter Unsicherheit.
Hier teile ich Beobachtungen, Analysen und Erfahrungen aus der Praxis.
Keine Erfolgsformeln. Kein Hype. Sondern Gedanken aus dem echten Spiel.
