Mit 25 war ich überzeugt, dass Erfolg relativ einfach funktioniert.
Man arbeitet härter als andere. Man übernimmt mehr Verantwortung. Man liefert bessere Ergebnisse. Und dann folgen die nächsten Karriereschritte fast automatisch.
Mehr Verantwortung.
Mehr Einfluss.
Mehr Einkommen.
Mehr Freiheit.
Zumindest glaubte ich das damals.
Ich war ehrgeizig. Sehr ehrgeizig. Ich wollte lernen, schnell vorankommen und möglichst früh Verantwortung übernehmen. Das führte mich über verschiedene Stationen schließlich zur Deutschen Bank, wo ich die Möglichkeit bekam, mit einigen der intelligentesten Menschen zusammenzuarbeiten, die ich jemals kennengelernt habe.
Wenn Menschen über Intelligenz sprechen, denken viele zuerst an IQ, Fachwissen oder analytische Fähigkeiten. Die beeindruckendsten Persönlichkeiten, die ich kennenlernen durfte, hatten jedoch meist noch etwas anderes.
Sie konnten Menschen mitnehmen.
Sie konnten komplexe Themen einfach erklären.
Sie konnten Geschichten erzählen.
Sie konnten Emotionen wecken.
Diese Kombination aus fachlicher Exzellenz und emotionaler Intelligenz war oft das eigentliche Unterscheidungsmerkmal.
Daneben gab es natürlich auch die absoluten Spezialisten. Menschen, die in ihrem Gebiet vermutlich zu den besten Experten überhaupt gehörten. Sie konnten Probleme lösen, für die andere Wochen gebraucht hätten. Sie waren wandelnde Wissensdatenbanken. Oft etwas weniger politisch, manchmal weniger kommunikativ, aber fachlich schlicht herausragend.
Beide Typen haben mich beeindruckt.
Und beide haben mir gezeigt, wie viel möglich ist, wenn Talent, Fleiß und Konsequenz zusammenkommen.
Damals war das genau die Welt, in die ich hineinwollte.
Ich erinnere mich noch gut an einen Moment zu Beginn meiner Zeit bei der Deutschen Bank. Der damalige Co-Vorstandsvorsitzende lief über unseren Flur. Für mich war das damals eine beeindruckende Begegnung. Nicht, weil er etwas Besonderes tat. Sondern wegen der Wirkung, die er auf mich hatte.
Er verkörperte vieles von dem, was ich damals mit Erfolg verband.
Einfluss.
Verantwortung.
Status.
Führung.
Und natürlich auch finanziellen Erfolg.
Für einen jungen Mitarbeiter Anfang zwanzig war das enorm beeindruckend.
Später durfte ich deutlich näher mit Vorständen und Topmanagern zusammenarbeiten und erkannte, dass auch sie am Ende ganz normale Menschen sind. Mit Stärken, Schwächen, Unsicherheiten und Herausforderungen wie jeder andere auch.
Aber damals war das noch anders.
Damals dachte ich: Dort möchte ich irgendwann hin.
Je länger ich in dieser Welt arbeitete, desto mehr lernte ich. Fachlich. Strategisch. Menschlich. Und gleichzeitig begann sich langsam eine Frage zu entwickeln. Nicht plötzlich. Nicht durch ein einzelnes Ereignis. Sondern schleichend.
Ich bemerkte, dass viele Menschen ihre Karriere sehr professionell planten. Die nächste Position. Das nächste Projekt. Die nächste Beförderung.
Was ich deutlich seltener sah, war eine ebenso klare Vorstellung davon, wohin das alles eigentlich führen sollte. Und genau dort liegt aus meiner Sicht der größte Karrierefehler intelligenter Menschen.
Viele optimieren ihre Karriere, ohne wirklich zu wissen, welches Leben sie eigentlich führen möchten. Sie optimieren den Weg, ohne das Ziel definiert zu haben.
Je intelligenter jemand ist, desto gefährlicher wird diese Falle sogar. Denn intelligente Menschen sind oft hervorragend darin, Probleme zu lösen, Ziele zu erreichen und Chancen zu nutzen. Aber all diese Fähigkeiten helfen wenig, wenn die grundsätzliche Richtung nicht klar ist.
Irgendwann stellte ich mir selbst die Frage:
Worauf zahlt eigentlich jeder einzelne Karriereschritt ein?
Warum möchte ich diese Position?
Warum möchte ich dieses Einkommen?
Warum möchte ich diese Verantwortung?
Und vor allem: Was verspreche ich mir davon?
Eine Erfahrung hat mich dabei besonders geprägt.
Zu dieser Zeit sollte ich für mehrere Monate nach New York gehen. Für mich war das eine außergewöhnliche Chance. Fachlich spannend. Persönlich reizvoll. Genau die Art von Erfahrung, die man sich als junger Banker wünscht.
Gleichzeitig stand die Hochzeit meines Bruders in Südfrankreich an. Ein seltenes Ereignis. Die ganze Familie kam zusammen. Menschen, die sich sonst kaum sehen. Zwei Wochen gemeinsamer Zeit an einem Ort, an dem wir normalerweise nicht zusammenkommen.
Eigentlich hätte ich unmittelbar nach New York fliegen sollen. Mit etwas Glück und vielen Gesprächen konnte ich meinen Abflug noch verschieben. Am Ende bedeutete das jedoch, dass ich praktisch direkt nach der Hochzeit abreisen musste.
Von Südfrankreich nach Barcelona. Von Barcelona nach Frankfurt. Von Frankfurt nach New York. Während der Rest der Familie noch Zeit miteinander verbrachte. Damals erschien mir das völlig normal. Heute sehe ich das differenzierter.
Ich bereue die Zeit in New York nicht. Im Gegenteil. Sie war unglaublich wertvoll und ich würde diese Erfahrung jederzeit wieder machen wollen.
Aber dieser Moment hat mir gezeigt, welchen Preis manche Karriereschritte mit sich bringen können.
Und dass dieser Preis nicht immer in Geld messbar ist. Denn Zeit ist endlich. Familienmomente sind endlich. Bestimmte Lebensphasen kommen nicht zurück.
Diese Erkenntnis wurde im Laufe der Jahre immer deutlicher.
Je höher die Positionen wurden, desto häufiger sah ich Menschen, die objektiv extrem erfolgreich waren. Beeindruckende Karrieren. Beeindruckende Einkommen. Beeindruckende Lebensläufe.
Und trotzdem hatte ich nicht bei allen das Gefühl, dass sie wirklich dort angekommen waren, wo sie eigentlich hinwollten.
Manche wirkten getrieben. Manche jagten dem nächsten Ziel hinterher. Manche konnten den Weg kaum genießen, weil der Blick immer auf das nächste Ziel gerichtet war.
Gleichzeitig gab es andere.
Menschen, die jeden Tag mit Energie ins Büro kamen. Menschen, die ihre Arbeit wirklich mochten. Menschen, die nicht nur erfolgreich wirkten, sondern auch zufrieden.
Rückblickend glaube ich, dass der Unterschied oft gar nicht in der Position lag. Sondern darin, ob die Karriere Ausdruck einer eigenen Vision war oder nur die Aneinanderreihung attraktiver Möglichkeiten.
Viele Menschen treffen Karriereentscheidungen nach Gehalt, Titel oder Prestige.
Das ist verständlich. Aber genau dort entsteht häufig das Problem. Denn ein höheres Einkommen löst nicht automatisch die Probleme, die man eigentlich lösen möchte. Mehr Verantwortung schafft nicht automatisch mehr Freiheit. Mehr Status führt nicht automatisch zu mehr Zufriedenheit.
Ich glaube inzwischen, dass viele Menschen Einkommen optimieren, obwohl sie eigentlich Freiheit suchen.
Das ist ein fundamentaler Unterschied.
Mit 25 hätte ich Erfolg wahrscheinlich hauptsächlich finanziell definiert.
Heute sehe ich das anders. Finanzieller Erfolg bleibt wichtig. Er schafft Möglichkeiten. Er schafft Sicherheit. Er eröffnet Optionen.
Aber er ist nur ein Teil des Bildes.
Für mich besteht Erfolg heute aus mehreren Komponenten. Aus finanzieller Entwicklung. Aus einem erfüllenden Familienleben. Aus der Freiheit, über die eigene Zeit entscheiden zu können.
Und aus der Möglichkeit, an Themen zu arbeiten, die mich wirklich interessieren.
Wenn ich heute einem ambitionierten Dreißigjährigen einen Rat geben müsste, würde ich ihm nicht empfehlen, weniger ehrgeizig zu sein.
Ganz im Gegenteil. Ich würde ihm empfehlen, sich zuerst über das Ziel klar zu werden. Nicht über die nächste Beförderung. Nicht über den nächsten Bonus. Nicht über den nächsten Titel. Sondern über das Leben, das er langfristig führen möchte.
Denn wenn dieses Ziel klar wird, verändern sich viele Entscheidungen fast automatisch.
Dann wird deutlich, welche Chancen man ergreifen sollte. Und welche man ablehnen kann.
Dann verliert auch die Versuchung an Kraft, jeden Karriereschritt ausschließlich nach kurzfristigen finanziellen Anreizen zu bewerten.
Heute glaube ich, dass langfristiger Erfolg meist dort entsteht, wo drei Dinge zusammenkommen.
Ein Thema, das dich wirklich interessiert.
Ein Skill, in dem du außergewöhnlich gut werden kannst.
Und ein Bedarf, für den andere bereit sind zu bezahlen.
Dort entsteht oft eine Form von Hebel, die sich nicht wie Arbeit anfühlt.
Dort entsteht häufig auch die größte Zufriedenheit.
Und dort entstehen langfristig oft die besten Ergebnisse.
Nicht nur finanziell. Sondern insgesamt.
Der größte Karrierefehler intelligenter Menschen besteht deshalb aus meiner Sicht nicht darin, zu ehrgeizig zu sein.
Er besteht darin, die Karriere zum Ziel zu machen.
Karriere ist kein Ziel.
Karriere ist ein Werkzeug.
Und je früher man weiß, wofür man dieses Werkzeug eigentlich einsetzen möchte, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass man am Ende nicht nur erfolgreich wird, sondern auch zufrieden.

Alexandre Dietz
Zwischen Unternehmertum und Kapitalmärkten schreibe ich über Ambitionen, Entscheidungen und Risiken, die langfristigen Erfolg prägen.
In den letzten Jahren habe ich Unternehmen aufgebaut, übernommen und weiterentwickelt. Als Fondmanager habe ich Verantwortung für Kapitalallokation und Anlageentscheidungen aus institutioneller Perspektive getragen. Und auf Management-Board-Ebene der Deutschen Bank an Strategie- und M&A-Projekten gearbeitet.
Die interessantesten Erkenntnisse stammen dabei selten aus Lehrbüchern, sondern aus Erfahrungswerten und Entscheidungen unter Unsicherheit.
Hier teile ich Beobachtungen, Analysen und Erfahrungen aus der Praxis.
Keine Erfolgsformeln. Kein Hype. Sondern Gedanken aus dem echten Spiel.
